Martin Sack und Ulrich Sachsse:
Kann oder will er nicht? Kann oder will sie nicht?
Zum Umgang mit Vermeidungsverhalten und Widerstand in der Traumatherapie

In der Traumatherapie ist es normalerweise nicht üblich, von Widerstand zu sprechen oder agierende Verhaltensweisen psychodynamisch zu deuten. Die Patienten werden als Opfer ihrer Traumatisierungen verstanden. Sie haben Symptome, die durch Dysregulation, Angst und Kontrollverlust gekennzeichnet sind. Diese werden aus traumatherapeutischer Sicht entweder als biologisch determiniert oder psychologisch unvermeidbar verstanden und liegen damit keinesfalls in der Verantwortung der Patienten. Natürlich handelt es sich dabei um grobe Vereinfachungen, um eine behandlungsstrategische Haltung, die Patient*innen entlasten und die Bearbeitung z.B. von Schuld und Schamgefühlen oder selbstschädigenden Einstellungen erleichtern soll.
Aber nehmen wir Patienten dadurch nicht zu viel an Verantwortung ab? Hat es nicht auch negative Folgen, wenn die Ursachen einer Symptomatik pauschal mit einem in der Vergangenheit liegenden Ereignis erklärt werden, und wie kann man mit Situationen umgehen, in denen das Festhalten an Traumafolgesymptomen letztlich der Vermeidung von angstbesetzten neuen Entwicklungsschritten dient? Auch an Widerstand und Abwehr sind Patienten nicht „schuld“, wir gehen behandlungstechnisch damit aber oft anders um als mit direkten Traumafolge-Störungen. Direkte Folgen der Traumatisierung sollten unterschieden werden von ihrer sekundären psychodynamischen Verarbeitung.
Wir wollen anhand von Fallbeispielen (überwiegend aus dem Teilnehmerkreis) die unterschiedlichen Aspekte dieser Thematik deutlich werden lassen und gemeinsam erarbeiten, wann etwa eine eher gewährende und wann eine eher konfrontierende therapeutische Haltung angemessen und förderlich ist, und wie bei krisenhaften Entwicklungen auf einer handlungsbezogenen Ebene reagiert werden kann.